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Alle Menschen sind aus der Sicht der Alleinlebensfähigkeit Frühgeborene. Selbst wenn Kinder sogenannt „reif“ auf die Welt kommen, sind sie auf die Pflege, Fütterung und Hilfe von Erwachsenen angewiesen. Sie können nicht wie Fohlen nach einer Stunde aufstehen und sich selbst die Zitzen der Mutter suchen; sie können nicht, wie Insekten krabbeln und ihre Nahrung suchen und sie können auch nicht schwimmen, wie Fische das machen. Der Preis für die Entwicklung eines komplexen Organismus war die Unselbstständigkeit der Nachkommen bei der Geburt.

Vor 40 Jahren definierte die Weltgesundheitsorganisation Frühgeborene als solche, wenn sie unter 2400 Gramm wogen, oder vor der 34. Schwangerschaftswoche geboren worden waren. Kinder, die leichter als diese waren, wurden als nicht lebensfähig angesehen. Welche stürmische Entwicklung hat die Medizin seither gemacht. Heute überleben Kinder unter 500 Gramm und an der Grenze zwischen 23. Und 24. Schwangerschaftswoche. Diese Schwangerschaftswoche, die man aus physiologischer Sicht als den Eintritt in die Reifung der nun vollständig ausgebildeten Organe sehen kann, stellt heute die Grenze der Überlebensfähigkeit dar.

Man kann immer wieder hören, sowohl in der Presse, als auch bei wissenschaftlichen Kongressen, dass bei der Hilfe zum Überleben solch kleiner Kinder ethische Überlegungen eine Rolle spielen sollte. Ohne es auszusprechen wird angenommen, dass diese Kinder so oft mit vielen gesundheitlichen Problemen ihre Neugeborenenzeit überleben, dass es besser wäre, die Ärzte, Krankenschwestern und ihre Eltern würden sie lieber sterben lassen. Angesichts der Überbevölkerung der Erde wäre außerdem das viele Geld, das die Betreuung eines so Frühgeborenen kostet, besser in die Pflege und Ernährung eines reif und gesund geborenen Kindes, oder sogar vieler in den ärmeren Ländern investiert. Das ist natürlich strikt zurückzuweisen. Einerseits weiß Niemand im Vorhinein, ob der „Franz“ oder die „Amalie“ gesund sein wird. Weiters kann Medizin immer nur dort angewandt werden, wo es sie gibt. Es ist mindestens so fraglich, ob man einer über achtzigjährigen eine Hüftendoprothese einpflanzt. Zuletzt sind Leben nicht verrechenbar: Keiner weiß welches Leben eher gelebt werden will und soll, keiner hat sich sein Leben bestellt und daher kann auch Keiner ein Leben abbestellen. Die Pflege von Frühgeborenen unterscheidet sich zwar von der Reifgeborener, aber nicht grundsätzlich. Diese und jene brauchen Pflege von Erwachsenen, wenngleich die extrem Frühgeborenen sicher mehr medizinische Hilfe benötigen.

In seinem ersten Buch beschreibt der langjährige stationsführende Oberarzt der grazer Neonatologie, Univ.-Prof. Dr. Ewald Ritschl, die Fragen, die diese kleinen Wesen an die Erwachsenenwelt stellen. Sein sehr lesenswertes Buch macht sich zum Anwalt der Kleinsten der Kleinen. Es versucht Eltern, aber auch Angehörigen von pflegenden und medizinischen Berufen, nahezubringen welche Zartheit und Verletzlichkeit diese Kinder haben. Wie sie schon das Liegen im Inkubator belastet, wie sie gern noch in der Amnionflüssigkeit wären, aber dort kein Bleiben mehr war. Wie sie dann in ihrem weiteren Leben manchmal mehr Schutz und Aufmerksamkeit brauchen und weshalb man ihnen nicht mit Zorn und Aggression begegnen sollte. Ewald Ritschl hat seine Erkenntnisse, die ihm ein langes Berufsleben und viel Recherche beschert haben, auf sogenannt gesunde Kinder ausgeweitet. Er versucht die berühmten fragenden Kinderaugen zur Chance des Einzelnen, der Familie und der Welt zu deuten. Das fragende Kind: es ist nicht lästig, sondern es lernt und indem es lernt stellt es manches Bekanntes in Frage.

Wenn wir bei Notube mit Kindern nach Frühgeburt arbeiten dürfen, wissen wir um die Verletzlichkeit des Kindes. Wie haben aber auch die Eltern im Blick, die meist unvorbereitet mit sehr viel Neuem konfrontiert waren: Intensivstation, Operationen, Reanimation, Infektionen und vielleicht eben auch einer Ernährung über eine Sonde. Wir wissen, dass die Eltern mit ihrer Aufgabe gewachsen sind. Manche haben das Kind noch teilweise beatmet nach Hause genommen und fast eine kleinen Intensivstation zu Hause eingerichtet. Sie erkennen feinste Signale ihres Kindes, sie „hören“ wo kein Anderer das Kind hört und schützen es so gut sie können. Wir nehmen darauf Rücksicht. Wir versuchen die Eltern zu stärken und sie in ihren Kenntnissen zu unterstützen. Oft auch in ihrem Mut und ihrer Sicherheit, dass ihr Kind essen lernen kann. Denn jedes dieser Kinder ist ein kleines Wunder: der Schöpfung, der Medizin, seines Lebenswillens, der elterlichen Unterstützung und des wunderbaren, fast unendlichen Ausmaßes, was so ein Kind lernen kann.

Peter Scheer