Eine Expertin beantwortet die wichtigsten Fragen

zahnhygiene1Was sind die häufigsten zahnmedizinischen Probleme von Kindern, die sondenernährt werden?

Dr. Maja Marotti: Zu den häufigsten Problemen zählen zäher Speichel, was in der Folge zu Verfärbungen an den Zähnen und Zahnfleischentzündung führen kann. Hin und wieder kommt es auch zu Entkalkungen der Schmelzoberfläche und Karies an den häufigen Kariesstellen, sprich an Einrissen des Zahnschmelz und bei Grübchen.

Was bedeutet Reflux und häufiges Erbrechen für die Zähne?

Die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD, Gastroesophageal Reflux Disease) ist eine Erkrankung bei der Mageninhalt in die Speiseröhre gelangt. Wenn immer wieder Mageninhalt in die Mundhöhle gelangt, betrifft das auch die Zähne. Entsprechend dem Weg des Mageninhalts – über den Zungenrücken, entlang an den Oberkieferzähnen und seitlich über die Zunge auf die Kauflächen der Unterkieferzähne und in die Wangentaschen – entstehen an den Zahnflächen säurebedingte Schäden. Das heißt, der Schmelz schwindet, die Zähne werden temperaturempfindlicher, die Entstehung von Karies wird begünstigt. Es wäre also wichtig, den Mund bei Reflux immer wieder gründlich auszuspülen.

Rund um den ersten Zahn – was soll man tun und bedenken?

Ab dem ersten Zahn sollten die Eltern die Zähne mit einer weichen Kinderzahnbürste oder Fingerzahnbürste und Wasser putzen. Ab dem ersten Lebensjahr sollte einmal abends zusätzliche eine kleine Menge Kinderzahnpasta mit Fluorid verwendet werden. Ab dem zweiten Lebensjahr sollte man zweimal täglich die Kinderzahnpasta verwenden. Der erste Milchzahn kommt im Durchschnitt im Alter von 6 Monaten. Zirka ab dem 1. Lebensjahr sind beide mittleren Milchschneidezähne durchgebrochen. Man sollte dem Kind, wenn es isst, nicht mehr das Fläschchen mit Milch oder Folgemilchbrei zum Einschlafen oder in der Nacht geben, um die Zähne nicht zu schädigen. Wenn das Kind in der Nacht durstig ist, sollte es einen ungesüßten Tee oder Wasser zum Trinken bekommen. Zuckerhaltige Getränke sind  einer der häufigsten Gründe, wieso bei bereits bei zweijährigen Kindern die Schneidezähne durch Karies zerstört sein können. Der Speichelfluss unterliegt dem zirkadianen Rhythmus, in der gesamten Nacht wird so viel Speichel gebildet wie in einer Stunde am Tag. Dies bedeutet, dass Ablagerungen zuckerhaltiger Nahrung, von Säften bzw. Getränken (auch vonMuttermilch) nicht von den Zähnen weggespült werden können. Die Bakterien in der Plaque auf den Zähnen haben somit die ganze Nacht Kohlenhydratzufuhr und bilden sodann Milchsäuren, die die Schmelzoberfläche angreifen.

Wie soll man am besten mit der Mundhygiene beginnen?

Man sollte die Kinder mit Geduld und spielerisch an das Zähneputzen gewöhnen und rund um den ersten Zahn am besten täglich auf die Mundhygiene vorbereiten. Es sollte ein tägliches Ritual  im Badezimmer sein, wie das abendliche Waschen.

Wie putzt man bei Kindern, die sehr leicht würgen oder erbrechen, am besten die Zähne?

Man nimmt am besten eine kleine Kinderzahnbürste und putzt unter Sicht, setzt sich also vor das Kind und führt die Zahnbürste über die Zähne. Was man eigentlich immer machen sollte.

Wie wichtig ist Zahnpasta? Könnte man sie weglassen?

Eine fluoridhaltige Zahnpasta sollte ab dem 2. Lebensjahr zwei Mal täglich verwendet werden. Durch die Einlagerung des Fluorids wird der Demineralisation der Schmelzoberfläche entgegengewirkt, die durch tägliche Nahrungsaufnahme bewirkt wird . Passiert das nicht, kommt es langsam zur Entkalkung der Zahnoberfläche, also des Schmelzes. Die Bakterien aus dem Speichel können so in das Zahninnere eindringen und durch deren Abbauprodukte, etwa Milchsäure, das Dentin erweichen. Das führt dann zu Karies.

Soll man das Zähneputzen erzwingen?

Grundsätzlich sollte man im Leben nichts erzwingen. Aber tägliche Mundhygiene, um Karies vorzubeugen, sollte stattfinden.

 

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Es heißt, es käme bei sondenernährten Kindern auch zu vermehrter Plaque-Bildung. Stimmt das? Und ist das problematisch?

Zu Plaque oder Belag kommt es auf jeder glatten Oberfläche, natürlich auch an den Zähen. Plaque entsteht dort durch die Etablierung einer Bakterienflora in einer Schicht aus Speicheleiweiß und Epithelabschilferungen. Lässt man ihn zu lange auf den Zähnen, verhärtet er sich, und es kommt zum vermehrten Wachstum von Keimen, die Karies verursachen. Kinder die sondenernährt werden, haben einen zäheren Speichel, des stärker an den Zähnen haftet. Deshalb ist regelmäßiges Zähneputzen bei ihnen sehr wichtig.

Was halten Sie von Kauen von Kaugummi?

Das Kaugummikauen fördert den Speichelfluss und neutralisiert die Säuren, die durch die Nahrungsaufnahme in die Mundhöhle gelangen, und von Bakterien, die nach der Kohlenhydrataufnahme (vor allem Zucker), Milchsäure produzieren. Empfehlen kann ich Kaugummi aber erst für Kinder ab dem 5. oder 6. Lebensjahr. Der Kaugummi sollte keinen Zucker enthalten. Zusätzlich zur Anregung des Speichelflusses, reduzieren Kaugummis mit Xylit die kariogenen Bakterien, wie den Streptocccus mutans. Xylit wird von Bakterien aufgenommen, kann aber nicht von ihnen verstoffwechselt werden und sie sterben ab.

ZUR PERSON:

Dr. Maja Marotti ist zertifizierte Endodontologin und Kinderzahnärztin. Seit 2006 ist sie an der Medizinischen Universität Graz, Österreich als Universitätsassistentin tätig. Zusätzlich führt sie seit 2013 ihre eigene Ordination in Graz.

Christof Huemer