Die 7 entscheidenden Ängste vor dem Beginn einer Sondenentwöhnung








7 Gründe, Ihr Kind von der Ernährungssonde zu befreien








Die Auswahl eines Sondenentwöhnungsprogramms




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Von den zig Gründen, die Sonde zu hassen. Und wie es trotzdem gelingt, sich mit ihr zu versöhnen.

 

„Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertigmacht.“

Anton Tschechow

Am Anfang war ein wunderbares Kind. Und natürlich weiß man, dass es kein Anrecht auf ein Leben ohne Schmerz gibt. Aber es verhielt sich ja so, dass die Ärzte einfach nicht aufhörten, dieses wunderbare Kind zu untersuchen. Solange, bis sie etwas gefunden hatten. Der Rest war unsagbarer Schmerz. Denn wenn es etwas gibt, das noch schwerer zu ertragen ist als selber krank zu sein, dann ist es das, ein krankes Kind zu haben.

 

Damit nicht genug drängt sich jedoch noch etwas in die Familie: die Sonde. Die sollte das wunderbare Kind ab sofort ernähren. Und weil man nicht noch mehr leiden kann, weil es im Gegenteil absolut fair ist, diese neue, geräteintensive Situation in negativstem Licht zu sehen und sie es, bitte, ja auch absolut verdient hat, fängt man an diese Sonde zu hassen.

 

  • Weil da plötzlich Schläuche und Stöpsel sind, die es absolut unmöglich machen, das wunderbare Kind dahinter zu sehen.
  • Weil da, in diesem wunderbaren Kind, womöglich ein Loch ist, das vorher nicht dort war und auch absolut nicht dorthin gehört.
  • Weil die Sonde selbst so viel Aufmerksamkeit verlangt, fast wie ein zweites, schreckliches Kind.
  • Weil man so furchtbar von ihr abhängig ist, rund um die Uhr.
  • Weil man sie ja nicht beleidigen darf.
  • Weil, wenn man es doch tut, sofort Lebensgefahr herrscht.
  • Weil sie wegen jeder Kleinigkeit beleidigt sein kann.
  • Weil man ihr trotzdem vertrauen muss.
  • Weil sich alles, alles nur noch um sie dreht.
  • Weil man sich – wegen ihr – neurotisch und paranoid fühlt, obwohl man so garantiert nie sein wollte.
  • Weil man oft Stunden kämpft, dass das Kind ausreichend mit Nahrung versorgt wird.
  • Und oft trotzdem alles wieder hoch kommt.
  • Weil sie einen isoliert und so furchtbar müde macht.
  • Weil sie einen in peinliche Situationen bringen wird und man deswegen zuhause bleibt.
  • Weil, egal welche Ansprüche man an sich als Elternteil stellt, doch zumindest gedacht hat, ernähren würde man sein Kind wohl können. Und sie einem das noch nimmt.
  • Weil sie das Gefühl repräsentiert, versagt zu haben (auch wenn man hundert Mal weiß, dass das nicht stimmt).
  • Weil sie es schafft, dass das wunderbare Kind völlig gesund aussieht. Wäre da nicht…
  • Weil sie dem wunderbaren Kind das Leben rettet. Jeden Tag.

 

LipidHPN (1)Sollte man auch nur ein paar dieser Gründe in sich spüren, dann tut man gut daran, sich zu gratulieren. Zeigen diese starken, sich um ein paar Gramm Plastik sammelnden Gefühle doch nichts anderes als Optimismus, den unerschütterlichen Glauben, etwas Besseres verdient zu haben. Es wäre dies ein guter Moment, diese Gefühle laut auszusprechen. Und somit zu beginnen, die Beziehung zur Sonde für immer zu verändern.

 

Denn natürlich gibt es auf ein Leben ohne Schmerz kein Anrecht. Wie man allerdings mit diesem Schmerz umgeht, steht einem vollkommen frei. Und so – man hat ja Zeit – wird manches zur Routine. Heiterkeit. Nervenstärke. Gewöhnung. Alltag. Je vertrauter das Handling der Sonde, je weniger die Gedanken um Technisches kreisen, desto stärker wird vielleicht die Toleranz, desto kleiner die Angst.

 

Oder es fängt damit an, dass man das Kind hinter der Sonde wieder sehen kann, seine Fortschritte. Dann sieht man auch, wie sehr es bei allem Krampf von diesem Erzfeind profitiert. Man sieht Entwicklung, die – ganz ehrlich – ohne Sonde nicht möglich wäre. Zustimmung mischt sich zur Melange an Gefühlen und man kann offen gutheißen, was all der Kunststoff bewirkt.

 

Vielleicht ertappt man sich sogar dabei dankbar zu sein, wie wenig belastend sich beispielsweise das Verabreichen von Medikamenten gestaltet, erinnert sich, welche Gefahr kleinste Infekte darstellten. Früher. Oder man sieht andere positive Dinge, etwa, dass diese Sonde dem tapfersten aller Kinder jeden Tag das Leben rettet. Auch das ist Alltag.

 

Und dann, und das macht den größten Unterschied, tritt so etwas wie ein „Plan“ in diese friedliche Co-Existenz. Und dieser Plan zeigt eine Prioritätenliste, auf der das Ansinnen, Kind und Familie von der Sonde zu befreien, weit nach oben gerückt ist. Eine neue Perspektive taucht auf. Das aktive Anstreben der Befreiung von der mittlerweile akzeptierten Notwendigkeit tritt an die Stelle des täglichen Arrangierens. Der in so starke Gefühle gekleidete Optimismus erweist sich als berechtigt: Die vormals verhasste, entstellende, alles kontrollierende, viel verfluchte etc. Sonde bekommt endlich neue Attribute – vorübergehend, medizinisch nicht mehr notwendig, entfernbar… Spätestens dann hat man einen Grund die Sonde zu lieben.

 

Und dann darf sie gehen.

Christof Huemer