7 Gründe, Ihr Kind von der Ernährungssonde zu befreien







Die Auswahl eines Sondenentwöhnungsprogramms







Esslernschulen: Alles, was Sie wissen sollten



Abonnieren Sie Heute

Um alle zwei Wochen unsere neuesten Artikel und eBooks direkt auf Ihren Posteingang zu erhalten

 

IMG_4987_(1)

Für uns Therapeuten und Therapeutinnen hier bei NoTube sind diese Ernährungsweisen während der Sondenentwöhnung völlig in Ordnung. Wie wir sehen werden, werden die Kinder dabei meist mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt, die ein Kind braucht. Wir erleben oft, dass die Eltern mit unserem Ansatz nicht zufrieden sind. Sie haben von klein auf in ihrer eigenen Erziehung und von ihrem sozialen Umfeld mit all den dort geltenden Wertvorstellungen gelernt, dass „gesunde Ernährung“ für ein Baby bzw. Kleinkind wichtig ist. Sie haben gelernt, dass der Verzehr von Gemüse, Obst und Zerealien, die aus „biologischer“ Landwirtschaft stammen, ein absolutes Muss sind, wenn ihr Kind gedeihen soll. Es werden zahlreiche neue Begriffe geprägt, wie etwa „Nutrazeutika“ (engl. Nutraceuticals) bzw. „funktionelle Lebensmittel“. Das sind Ernährungsprodukte, die einen zusätzlichen gesundheitsfördernden Effekt haben sollen, der über jenen der alltäglichen Ernährung hinausgeht. Nutrazeutika sind für Kinder im Regelfall nicht relevant, vor allem dann nicht, wenn sie bis zum Beginn der Sondenentwöhnung mit Sondenkost für Säuglinge oder Kinder ernährt wurden.

Das wirft die Frage auf, was über „gesunde Ernährung“ bekannt ist.

 

Es ist tatsächlich sehr wenig:

  1. Alle Lebensmittel enthalten Kohlenhydrate, Fette und Proteine.

Das trifft schon auf Eiscreme, Milch und die meisten Süßigkeiten zu. Vor allem Erzeugnisse wie Gummibären, die aus tierischen Reststoffen (wie z. B. aus der Schlachtung und Verarbeitung von Schweinen) hergestellt werden, enthalten alle drei der oben erwähnten essentiellen Nahrungsbestandteile. Es mag erstaunlich klingen, aber es würden dann nur noch einige Vitamine fehlen. Bei enteral ernährten Kindern ist Vitaminmangel fast nie ein Problem, denn die Sondennahrung enthält genug Vitaminsupplemente und die im Körper angelegten Vitamindepots halten Monate vor. Kartoffelchips und Cracker enthalten immerhin Kohlenhydrate und Fett, aber keine Proteine. Es trifft zwar zu, dass Proteine ein unverzichtbarer Nahrungsbestandteil sind, doch man muss bedenken, dass das Proteindepot im Körper eines Kindes, das mit Sondennahrung ernährt wurde, über Wochen oder sogar Monate vorhält. Daher stellt der vorübergehende Proteinmangel während der Sondenentwöhnung kein Problem dar und die Geschmackspräferenzen Ihres Kindes sind aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive völlig in Ordnung, selbst wenn sie Ihnen eigenartig erscheinen mögen. In der wissenschaftlichen Literatur finden sich Empfehlungen für ein ausgeglichenes Verhältnis der drei Makronährstoffe in der täglichen Ernährung, das dem Körper dabei hilft, die normalen physiologischen Funktionen ohne Defizite oder Überlastung aufrechtzuerhalten. Die Tageszufuhr sollte in etwa zu 55-75% aus Kohlenhydraten, zu 10-15% aus Proteinen und zu  15-30% aus Fetten bestehen (2002, WHO/FAO Expert Consultation Recommendations*).
2. Babys und Kleinkinder zeigen Aversionen gegen bestimmte Geschmacksrichtungen.

IMG_5002 (1)

Babys können 4 Grundgeschmacksarten wahrnehmen:

  1. Süß
  2. Salzig
  3. Bitter
  4. Sauer

Süß: Für gesunde Kinder, die nicht auf der neonatologischen Intensivstation (NICU) behandelt werden mussten, empfinden Süßgeschmack als am angenehmsten. Phylogenetisch gesehen (in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit) bevorzugt der Mensch süße Nahrungsmittel, weil sie leicht verdauliche Kohlenhydrate enthalten.

Salzig und Bitter: Babys entwickeln später im Leben, wenn sie zu kauen lernen, Interesse an den Geschmacksrichtungen bitter und umami (der Geschmack von Fleisch, der in der Zungenmitte wahrgenommen wird). Eine Studie von Forschern rund um Julie Mennella vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia ergab, dass ein sehr geringes Geburtsgewicht die

Geschmacksprägung  beeinflusst. Manche der betroffenen Kinder bevorzugen von Beginn an salzigere und sogar bittere Speisen. Daher bevorzugen viele unserer frühgeborenen Patienten während der Sondenentwöhnung salzig und bitter schmeckende Nahrungsmittel.

Sauer: Sauer schmeckende Lebensmittel, wie z. B. Zitronen, sind nicht für Kleinkinder geeignet. Die Mundpflegestäbchen, die bei sedierten Kindern zur Mundhygiene benutzt werden, sollten deshalb nicht die Geschmacksrichtung „Zitrone” haben.

 

IMG_6122 (1)

Es ist alles okay, das ehemalige „Sondenkinder“ oral zu sich nehmen.

Was immer ein Kind isst, das nach Monaten oder Jahren der enteralen Ernährung erst später im Leben das Essen erlernt, ist okay. Das betroffene Kind muss kleine Schritte machen, einen nach dem anderen, und so eine ganz neue Welt entdecken. Die Befürchtungen der Eltern, dass ihr Kind nie „gesund essen“ wird, sind dabei keineswegs hilfreich. Wenn man dabei ist, etwas Neues zu entdecken, ist man natürlich zögerlich und macht einen Schritt nach dem anderen. Für so einen Schritt braucht es manchmal Wochen oder Monate, oder sogar Jahre. Man kann sie dem Kind nicht aufzwingen. Einige unserer Therapeuten und Therapeutinnen raten Müttern nach einiger Zeit davon ab, Dinge zu kaufen, auf die sich ihr Kind fixieren könnte. Aber sogar das ist meist nicht dringend. Das Kind wird sich weiterentwickeln. Nur wenn eine Autismusspektrumstörung (ASS) vorliegt, kann das länger dauern oder zusätzliche Beratung erfordern.


Gesellschaftliche Ernährungskonzepte verändern sich ständig und werden von neuen Trends geprägt, genauso wie das Konzept von der gesunden Lebensweise. An Orten und zu Zeiten, zu denen die Menschen täglich Hunger leiden, gelten übergewichtige Personen als gesund. Menschen in einer Führungsposition wären demnach also stets übergewichtig. Nur in der jüngeren Vergangenheit werden Manager immer sportlicher und trainieren sich mit dem fortschreitenden Alter Muskeln an.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es so etwas wie eine „gesunde Ernährung“ unmittelbar nach der Sondenentwöhnung nicht gibt. Die Forschung bietet hier keine eindeutigen Ergebnisse und wird außerdem von wechselnden „Wissenschaftstrends“ geprägt. Wenn evidenzbasierte Konzepte aufkommen, die die Lebensqualität der Menschheit verbessern können, sollten diese nicht in Abrede gestellt werden. Unter gesunder Ernährung kann man saubere, unverarbeitete Lebensmittel in ihrem natürlichen Zustand verstehen. Haben Sie nur Geduld und folgen Sie dem Weg in ein Leben ohne Sonde, den Ihr Kind während der Sondenentwöhnung einschlägt. Ihr Kind gibt die Richtung an. Das einzige, was zählt, ist, ob Ihr Kind isst und oral genügend Nahrung zu sich nimmt. Wenn das der Fall ist, ist alles andere ein Luxusproblem. Und wenn nicht? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie?  Hinterlassen Sie uns hier einen Kommentar! Wir beantworten gerne all Ihre Fragen.

 

*Bericht über Empfehlungen aus einer Expertenkonsultation der Weltgesundheitsorganisation und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation aus dem Jahr 2002, http://www.fao.org/docrep/005/ac911e/ac911e00.HTM

Peter Scheer