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von Eva Kerschischnik und Peter J. Scheer

Am Beginn eines LTE müssen die TherapeutInnen zunächst verschiedene Fragen klären.
Wir bitten die Eltern um eine genaue Beschreibung der Motorik und des Verhaltens des Kindes im Umgang mit seinem Spielzeug im Alltag. Diese Beschreibung brauchen wir, um einschätzen zu können, was das Kind kann und was es nicht kann, denn das hat einen starken Einfluss auf die Therapie. Wir wissen dann, dass das Kind zum Beispiel selbst zum Essen kommen kann. Das ist wichtig, weil wir dadurch abschätzen können, was wir von dem Kind erwarten können. Die Erwartungen der Eltern sind manchmal verzerrt. Einerseits vergleichen sie ihr Kind mit anderen Kindern, andererseits wissen sie, wenn das Kind lange krank war um diese Krankheit. Alle diese Eindrücke und Erinnerungen bestimmen ihre Wahrnehmung. Psychoanalytiker nehmen sogar an, dass auch die inneren Bilder, die Eltern von ihrem Kind haben einen starken Einfluss darauf haben, wie Eltern ihr Kind wahrnehmen. Man könnte dann sagen: Ich sehe nicht mein Kind, sondern ich sehe das Kind, das ich wahrnehmen kann. Um dieser Verzerrung, die manchmal auftreten kann, zu entgehen, nehmen wir eine genaue Erhebung vor. Gerade hier geht es darum, dass die Eltern nicht glauben sollen, dass wir ihnen misstrauen. Ganz im Gegenteil: wir nehmen jede Beobachtung der Eltern ernst. Sie hilft uns. Im Detail versuchen wir aber nachzuvollziehen, was genau vor sich geht, was das Kind kann und was es nicht kann.

 

Wenn das Kind motorisch etwas nicht kann, also zum Beispiel sitzen oder gehen, dann kann es sein, dass das Kind auch mundmotorisch etwas nicht kann. Das liegt daran, dass die Motorik insgesamt sich meist gleichermaßen entwickelt. Wenn ein Kind nicht selbstständig sitzen oder nicht aufstehen kann, dann hat das Kind oft Probleme bei der Bewegungsplanung. Wir nennen das „motorische Planung“ aus dem Englischen, wo es „motor planning“ heißt.  Wenn das Kind die Fähigkeit zur motorischen Planung nur zum Teil oder überhaupt nicht besitzt, dann ist es auf die Pläne der Bezugspersonen angewiesen. Da diese dem Kind oft und gerne helfen, kann es sein, dass sie diese Schwäche des Kindes nicht mehr wahrnehmen, einfach, weil sie sich daran gewöhnt haben. Daher ist es für uns zu wichtig, wahrzunehmen, was das Kind selbst kann und wobei es Hilfe benötigt. Besonders bedeutsam sind die Übergänge zwischen den einzelnen Handlungen: Wenn das Kind die Übergänge nicht kann, dann kann es sein, dass das Kind nicht weiß, was es tun soll. Die Übergänge sind der kritische Punkt der motorischen Planung. Sie zeigen, ob der Mensch seinen nächsten Schritt planen kann, egal ob das bewusst oder unbewusst erfolgt.

 

Zum Bericht über das Kind und seine Fähigkeiten, gehört auch, dass wir uns von den Eltern die Essenssituationen beschreiben lassen. Welche Regeln haben die Eltern beim Essen: Muss  das Kind gesund essen? Muss es am Tisch sitzen. Wer hat wobei welche Probleme? Isst das Kind bei anderen Personen besser, mehr oder anders. Will das Kind bei Tisch sitzen? Gibt es zuhause tägliche gemeinsame Mahlzeiten oder nur am Wochenende? Wer isst in der Familie gern? Wer ist dem Kind ein Vorbild? Isst das Kind immer mit den gleichen Personen? Wird beim Essen sehr auf Tischmanieren geachtet, oder kann sich das Kind benehmen, wie es will? Wird das Kind gelobt, wenn es isst? Diese Fragen dienen dazu, das Problem zu erkennen und gleichzeitig auch ein Problembewusstsein zu schaffen. Sie sind der eigentliche Beginn der Behandlung.

 

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Wenn das Kind bereits in Therapie ist (logopädische Therapie, Ergotherapie oder Physiotherapie oder andere paramedizinischen Therapien) wollen wir wissen, aus welcher Indikation und was dort gemacht wird. Wir lassen uns das gern und ausführlich beschreiben. Wir finden, dass die Therapien Einfluss auf das Essen haben. Wenn dem so ist, dann reagieren wir auf diese Mitteilungen. Es kommt auch vor, dass unsere Therapeutinnen sich zu der angegebenen Methode äußern: sie sagen dann, was man ihrer Meinung nach beim Kind machen könnte oder sollte. Manchmal bitten wir die Eltern auch, dass diese Therapien unterbrochen werden, einfach, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich nun mit dem Essen und der Bewältigung der dabei auftretenden Probleme zu beschäftigen.

 

Diese Erhebungen finden natürlich so statt, dass wir bereits ein immer stärkeres Vertrauensverhältnis zu den Eltern aufbauen. Nun geht es darum, die drei wichtigsten Ziele der Eltern zu erfahren und mit ihnen Ziele zu vereinbaren. Diese Ziele können sich auf die Essenssituation beziehen, auf die Qualität des Essens, oder auf die Menge, auf das Kauen, auf das Schlucken, oder auf die Art des Verdauens.

Nun wird das erste Ziel angestrebt, wobei wir zuerst das Leichteste nehmen, um sowohl eine erste Veränderung zu ermöglichen als auch ein erstes Erfolgserlebnis gemeinsam zu erleben.

Im Weiteren werden die anderen Ziele in Angriff genommen, wobei es sein kann, dass während dem Prozess neue Ziele zu erreichen, manchen Ziele neu definiert werden müssen. Es kann auch sein, dass nun Sorgen und Nöte der Eltern zur Sprache kommen, Unsicherheiten oder Traurigkeit, die sich im Essverhalten des Kindes äußern.

Das LTE-Programm kann auf monatlicher Basis in Anspruch genommen werden. Die Eltern definieren selbst, ob und wie lange sie unsere Hilfe benötigen. Die Idee ist, dass die Eltern und die Kinder ihre Ziele selbst erreichen, wir unterstützen und begleiten sie dabei, kennen aber nicht den Weg des Kindes im Vorhinein und wissen auch nicht was „richtig“ ist. Das Kind und seine Familie finden den für sie richtigen Weg.

 

Immer wieder ergeben sich neue Fragen: Hat das Kind ein ASS (Autism Spectrum Disorder, Autismusspektrumsstörung (siehe diesen BP)? Leidet das Kind an einer Wahrnehmungsstörung? Diese Fragen helfen uns und dem Kind bei manchen Störungen zu verstehen, was das Problem sein könnte. Unsere Beratung kann dadurch feiner auf das einzelne Kind abgestimmt werden. Wir fragen Sie dazu zum Beispiel, ob das Kind Gras angreifen kann oder mit Sand spielt. Kinder, die an Wahrnehmungsstörungen leiden, machen das anders, als andere. Hinweise auf ASS könnten sein, dass das Kind immer dasselbe haben will und gegenüber Änderungen ablehnend ist.

 

Wenn die Beschwerde der Eltern ist, dass das Kind nicht länger als 3 Minuten sitzt, stellt sich manchmal heraus, dass ihr Kind überhaupt nicht sitzen kann. Oft sind wir von dieser Erkenntnis genauso überrascht, wie die Eltern.

 

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Die gesetzten Ziele können immer wieder geändert werden.
Das hängt von der Interaktion mit uns ab, von der Entwicklung des Kindes und von den Erkenntnissen, die die Eltern mit uns teilen. Gegebenenfalls wird das Ziel geändert und danach wird versucht, die neuen Ziele zu erreichen. Das neue Ziel wird diskutiert und angestrebt.

 

Die Änderungen werden nun schrittweise umgesetzt: entweder die Konsistenz des Essens oder dessen Geschmack. Es wird nie mehr als eine Änderung pro Mal umgesetzt. Manchmal werden auch mehr Kalorien pro Mahlzeit gegeben. Oft wird aber auch an der Haltung des Kindes, oder an  den Essenszeiten, an den Umständen des Essens und anderem gearbeitet. Die Gesamtsicht auf das Essen und die Familie spielt dabei eine große Rolle.

 

Insgesamt kann man sagen, dass das LTE-Programm ein Ratgeber in ihrem Wohnzimmer ist. Es soll Schwächen in der Essensgabe, der Essenszubereitung und der Esssituation optimieren und gemeinsam einer Lösung zuführen. Der Ausgangspunkt dabei ist die Erfassung der Persönlichkeit und der Entwicklungsstand mit allen Möglichkeiten Ihres Kindes. Dazu sind individualisierte Beratung und unsere tägliche Verfügbarkeit die Garanten für eine gute und erfreuliche Lösung für Sie und Ihr Kind.

Peter Scheer